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Ist Mitteldeutschland die Wiege der Ballonfahrt?
Friedrich Wilhelm Jungius - Bericht über die 2. Ballonfahrt
Bericht an das Publikum über meine zweite Luftreise am 19ten May 1806
von W. Jungius
Berlin, 1806
In der Buchhandlung des Commerzieuraths Maßdorff.
Die zweite Luftreise
Die zweite Luftreise, welche ich am 19ten dieses Monats glücklich zurückgelegt habe, war anfänglich auf den 17ten desselben festgesetzt. Allein da an diesem Tage Ihre Majestäten des Königs und der Königinn, wie ich nachher erfuhr, von Berlin abwesend waren, ich aber nichts angelegentlicher wünschen konnte, als daß die Allerhöchstdieselben meinen Versuch diesmal mit allerhöchstihrer Gegenwart beehren möchten; so war eine Nachricht, welche Seine Excellenz des Königlich Preußischen Generallieutenants, Herrn Grafen von Schmettau, mir mitzutheilen die Gewogenheit hatte, für mich ein erwünschter Befehl, statt des 17ten dieses Monats den 19ten zu meiner Luftfahrt zu wählen.
Das Wetter war aber am Morgen dieses Tages anfänglich so trübe, und es hatte so sehr den Anschein, daß auch dieser Tag ein Regentag seyn würde, wie es der vorhergehende gewesen war, daß ich, anstatt um 7 Uhr morgens mit der Füllung des Ballons zu beginnen, damit ich um 12 Uhr Mittags, wie ich mir vorgesetzt hatte, steigen könnte, erst nach 9 Uhr, als der erste Sonnenstrahl durch die Wolken brach, damit anzufangen mich bestimmte.
Daher kam es denn auch, daß ich erst um halb 2 Uhr Nachmittags damit fertig seyn konnte. Das Wetter ward aber von dem Augenblicke an, da ich die Füllung ihren Anfang nehmen ließ, so unerwartet heiter und warum — freilich etwas windig — daß ich jetzt sehr bedauerte, jenes nicht schon früher gethan zu haben. Desto rascher ließ ich sie nun aus 24 Fässern von 32 Orhoft Inhalt vor sich gehen, wozu die Güte der Materialien, besonders der von dem Fabrikanten, Herrn Reinmann, gelieferten Schwefelsäure, nicht wenig beitrug.
Als Ihre Majestäten des König und der Königinn angelangt waren, ließ ich einen achtfüßigen Ballon füllen, an welchem ein Körbchen mit einem Taubenpaare befestigt war, und hatte die Ehre, ihn Ihrer Majestät der Königinn übereichen zu dürfen, welche die Gnade hatte, ihn steigen zu lassen. Er ist 7 Meilen von hier bei Zinna niedergefallen, und die Tauben befinden sich wohl.
Nicht lange nach dem Aufsteigen jenes war auch der große Ballon gehörig gefüllt, und nachdem die nöthigen Anstalten zu den Versuchen und Beobachtungen, welche ich anzustellen gedachte, und die gehörige Menge Ballast durch die Hülfe meiner Freunde und besonders des Herrn Prof. Burguet, des Hrn. Geh. Sec. Bornemann und des jüngeren Hrn. Schnackenberg besorgt waren, setzte ich mich mit meinem Begleiter, dem jungen Költz aus Berlin, 15 Jahr alt, und meinem Schüler auf dem Köninglichen Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, in die Gondel und ließ mich auf ein gegebenes Zeichen langsam in die Höhe.
Jeder von uns hatte eine genau gehende Sekundenuhr bei sich, nach welcher wir die Zeit unserer Abfahrt, die wir an der Oberfläche der Erde zu bemerken vergessen hatten, bald darauf ungefähr auf 1 Uhr 35 Minuten setzten.
Um bequemer beobachten zu können, hatte ich auf den Bord der Gondel ein Tischchen befestigen lassen, und in dessen Mitte ein etwa 2 Fuß hohes Statif, oben mit einem Querriegel versehen, um daran die nöthigen Instrumente zu hängen.
Der Apparat, welchen ich mit mir nahm, bestand aus 2 Barometern, einem Gefäßbarometer zum bequemen Beobachten, und einem Heberbarometer, leicht eingewickelt, zur Reserve; einen Haarhygrometer, alle drei Instrumente von Renard verfertigt; einem Bennetschen Electroscop, mehreren Thermometern, einer Vorrichtung zum Verdunsten reiner Schwefelnaphte, und einer andern, um auf einer gewsssen, genau durch das Barometer bestimmten Höhe Luft duch Quecksilber in einer Röhre zu sperren, zu welcher letztern mir der Herr Prof. Bouruet die Idee mitgetheilt hatte.
Außerdem nahm ich 2 mit abgekochtem Wasser gefüllte Flaschen mit mir, um aus den höheren Regionen der Atmosphäre Luft auf die Erde zu bringen, eine Gans, einige Tauben und andere kleine Vögel.
Das Gefäßbarometer hing an dem einen Arme des Statifs frei herab, und konnte sehr leicht durch das dabei befindliche Loth in die vertikale Lage gebracht werden; das Hygrometer blieb bis kurz vor seinem Gebrauche in seinem Behältnisse eingepackt; ein Thermoter hing frei an einem Stricke der Gondel, noch 3 andere bafanden sich an den Instrumenten; auf dem Tischchen war auf der entgegengesetzten Seite vom Barometer das Electroscop angeschraubt, und in Vertiefungen, um vor dem Herabgleiten gesichert zu seyn, standen in der möglich weitesten Entfernung von einander, 2 Porcellanschälchen, um darin reine Naphte, welche der Herr Assessor Flittner mir bereitet hatte, verdunsten zu lassen, das eine davon jedoch in der Nähe des Electroscops.
Mehrere durch in Talg und Wachs gekochte Korkstöpsel verschlossene und mit gefirnißtem Taffent dicht verbundene Fläschchen enthielten jedes 16 Gran1) der Naphte, um je zwey zu korrespondirenden Versuchen anzuwenden.
Der Ball war der zu meiner ersten Reise schon gebrauchte 25,5 Par. Fuß im kleineren und 29,5 Par. Fuß im größeren Durchmesser haltend. Er faßt 10724 Par. Cubikf. und ist, ganz aufgeblasen und das eigenthümliche Gewicht des Wasserstoffgases, welches ihn füllt, zu (?) der atmosphärischen Luft gerechnet, mit 770 Par. Pfund an der Oberfläche der Erde im Gleichgewicht.
Die sämmtliche Belastung desselben war beim Aufsteigen:
| Der Ball selbst | 80 Par. Pfund. | 36,8 kg |
| Das Netz nebst dem Reifen | 41 Par. Pfund | 18,86 kg |
| Die Gondel | 49 Par. Pfund | 22,54 kg |
| Der Anker nebst dem Taue | 18 Par. Pfund | 8,28 kg |
| Der Apparat | 10 Par. Pfund | 4,60 kg |
| Die Gans | 5 Par. Pfund | 2,30 kg |
| Drei Tauben und kleinere Vögel | 2 Par. Pfund | 0,92 kg |
| Zwei Flaschen mit Wasser | 5 Par. Pfund | 2,30 kg |
| Das Tischchen | 3 Par. Pfund | 1,38 kg |
| Ein Mantel, Stricke und Kleinigkeiten | 5 Par. Pfund | 2,30 kg |
| Mein Begleiter | 83 Par. Pfund | 38,18 kg |
| Meine Person | 106 Par. Pfund | 48,76 kg |
| Ballast | 68 Par. Pfund | 31,28 kg |
| 475 Par. Pfund | 218,50 kg |
|---|
Start
Nachdem Alles gehörig vorbereitet war, bestieg ich mit meinem Begleiter, wie schon gesagt, um 1 Uhr 35 Minuten ungefähr die Gondel, bei einer Steigkraft des Ballons zwischen 20 und 30 Pfund, und erhob mich langsam. Ich warf bald, um schneller zu steigen, 12 Pfund Ballast aus und fing darauf meine Beobachtungen am Barometer und an den übrigen Instrumenten an. Ich setze meine Bemerkungen, wie ich sie meinem Begleiter diktirte, der vorher darüber unterrichtet war und sich dazu vorbereitet hatte, mit den nöthigen Reductionen, von welchen ich in der Folge reden werde, in einer Tabelle her.
Beobachtungen
| Beob- ach- tung | Zeit | Gefäß- Barom. | Thermo- meter | Freyes Ther- momet. | Hy-gro-met. | Ther-mo-met. | Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| U. M. | 1/4 Lin. P. | R | R | R | |||
| 1. | 1 35 | Zeit der Abfahrt ungefähr | |||||
| 2. | unbeo. | 1159 | +10,7 | +16 | unbe | ob. | |
| Die Gans wird herabgelassen. | |||||||
| 3. | 1 51 | 1088 | +10,5 | +13 | unbe | ob | Die Barometerhöhe sehr genau |
| 4. | unbeo. | 959 | +8,0 | +5 | 71 | unb. | Das Electroscop zeigte die ganze Zeit der Reise hindurch nicht eine Spur von Electricität. |
| 5. | 2 1 | 794 | unbeob | achtet. | unbe | ob. | Eine Taube wird ausgesetzt, und bald darauf eeine Flasche voll Wasser ausgeleert. |
| 6. | unbeob. | 749 | +1,8 | +1,4 | unbe | ob. | Der Ball ist völlig aufgeblasen und das Gas strömt zum Schlauch hinaus. Das Electrometer ist inwendig mit Feuchtigkeit beschlagen. Der Hauch des Mundes ist sehr sichtbar. Luft ward in einer Röhre durch Quecksilber gesperrt. |
| 7. | unbeob. | 826 | +2,0 | unbeo | bach | tet. | Der Ball ist im Sinken. |
Zu meinem großen Mißvergnügen nahm ich aber bald wahr, daß der kleinere Durchmesser der Gondel eine gegen den Horizont beträchtlich geneigte Lage bekam, welche Neigung immer größer ward. Dies rührte von dem Netze her, welches, ich weiß nicht durch was für einen Zufall, auf der einen Seite des Ballons länger herabhing, als auf der anderen, und vereitelte leider die Versuche über die Verdunstung der Naphte. Denn mehr als die Hälfte der Flüssigkeit wurde aus den flachen Schälchen verschüttet worden seyn.
Uebrigens geriethen die Barometerbeobachtungen sämtlich gut, da die Gondel auch nicht im geringsten schwankte. Bei den größte der Fehler gewiß nicht + 1.
Es war eine Lust, so zu reisen.
Ehe ich aber zur Berechnung der Höhen, welche ich nach und nach erreicht habe, fortgehe. muß ich zuvor etwas über die Reductionen sagen, welche ich mit den rohen Beobachtungen, so wie sie niedergeschrieben wurden, in jener Tabelle theils bereits vorgenommen habe, theils noch vornehmen werden.
Zuerst ist zu bemerken, daß die Skale des gebrauchten Barometers, nach vielen Vergleichungen mit dem sehr gut gearbeiteten Heberbarometer, um gerade 1 Linie zu hoch an der Röhre befestigt war. Folglich war zu jeder beobachteten Barometerhöhe 1 Linie zu addiren. Diese Reduction befindet sich schon bei den Angaben in der Tabelle.
Zweitens war nach Hrn. Renard's genauen Ausmessung das Verhältnis des Durchmessers der Röhre zu dem des cylindrischen Gefäßes = 7 : 94.
Da nur die Scale bei einer Barometerhöhe von ungefähr 28 Zoll dem Instrumente angepaßt war, welche beträchtlich über oder unter 28 Zoll ist, noch einen andere Reduction wegen des veränderten Niveaus des Quecksilbers in dem Gefäße.
Man muß nämlich, im ersten Fall zu der beobachteten Höhe etwas addiren, im anderen etwas davon subtrahiren.
Setzt man dies = x, und n Theile über oder unter 28 Zoll; so ist nach bekannten Gründen log.x = log.n + 0,7439402 - 3, genau genommen unter der Voraussetzung, daß die Temperatur stets dieselbe sey.
Da indessen die Temperaturen bei meiner Luftreise höchstens um 16 Grad nah R. verschieden waren, welches nch De Luc's Correctionsscale etwa 20 Grad beträgt, woraus nur 1 1/4 Linie Ausdehnung einer Quecksilbersäule von 27 Zoll folgt; so ist dies bei der geringen Höhe des Quecksilbers im Gefäße ganz außer Acht zu lassen.
Diese Reduction ist indessen noch mit den Höhen in der Tabelle vorzunehmen.
Drittens war nach vielen Vergleichungen mit zwei unter meiner Aufsicht verfertigten, von mir selbst getheilten, sehr genauen und korrespondirenden Thermometern die Scale des am Barometer befindlichen Thermometers unrichtig und die Grade waren zu klein, obgleich der Frostpunkt richtig bestimmt war.
Die deshalb nöthige, aus vielen vorhergehenden Beobachtungen gefolgerte, Reduction ist bei den Angaben der Tabelle schon enthalten.
Noch muß ich bemerken, daß ich das Thermometer, dessen ich mich zu den Beobachtungen im Freien bediente, durch die Güte des Herrn G. R. Karsten erhielt, indem ich zu spät bemerkte, daß ich meine genauern Thermometer in der Eil zu Hause gelassen hatte.
Leider aber war es zu Beobachtungen dieser Art, da es in eine dicke Glasröhre eingeschlossen war, nicht sehr tauglich. Vielleicht daß sogar ein Fehler in der Scale stattfand.
An der Oberfläche der Erde hatte Herr Renard um 1 Uhr 20 Minuten die Barometerhöhe 1369 B.L.P und das Thermometer +13°,8 R beobachtet. Ich beobachtete im Freien, aber nicht ganz zuverlässig, das Thermometer + 16°R.
Berechnung der einzelnen Höhen, welche ich nach und nach mit meinem Balle erreicht habe, nach Angabe der Tabelle, nebst Bemerkungen.
1. Barometerhöhe an der Oberfläche der Erde 1369.
Thermometer am Instrumente +13°,8.
Thermometer im Freien +16°.
Barometerhöhe der 2ten Beobachtung der Tabelle 1159.
Therm. am Instr. +10°,7.
Therm. im Freien +16°, wofür aber gewiß, da die Röhre, welche das Instrument einschloß, noch nicht genug abgekühlt seyn mogte, nur 10° nach Maaßgabe des Thermometers am Instrumente zu nehmen sind.
Hieraus hat man:
beobachtete B. H. an der
| Oberfläche der Erde | = 1369,000 |
| Correct. wegen des Niveau's | = 0,000 |
| Correct. wegen der Temperatur | = -1,204 |
| Wahre B. H. | = 1367,796 |
Aus der Beobachtung Nr.2.
| der Tabelle B. H. | = 1159,000 |
| Correct. wegen des Niveau's | = -1,025 |
| 1157,974 | |
| Correct. wegen der Temperatur | = -0,188 |
| Wahre B. H. | = 1157,786 |
Hieraus nach Trembley's Formel die Höhe über Berlin's Horizont = 4377 Par. Fuß.
Die Gans ward eine geraume Zeit nach dieser Beobachtung ausgeworfen, weil sie nicht schnell genug losgebunden werden konnte. Sie ist also mit großer Wahrscheinlichkeit 5000 Fuß hoch herabgefallen, welches die Berechnung der Beobachtung Nr.3. der Tabelle zu bestätigen scheint.
Sie ist übrigens wohlbehalten in einer sumpfigen Gegend nahe am Thiergarten niedergesunken. Ein Schiffer ergriff sie und lieferte sie in meine Wohnung ab, wo sie in dem Augenblick, als ich dies schreibe, noch lebt und sich dem Anscheine nach wohl befindet.
Die Luft war in dieser Region mild und stärkend, die Aussicht auf die Erde entzückend schön, und mein Begleiter meinte noch das Rufen der Menge unten zu vernehmen. Wir schwammen ruhig dahin, nicht ein Lüftchen schien sich zu bewegen.
2. Aus der Beobachtung Nr.3 der Tabelle Barometerhöhe 1088.
Thermometer am Instrumente + 10°,5.
Thermometer im Freien + 13°, wofür aber wieder aus demselben Grunde, wie vorhin, nur + 10° zu setzen sind.
Daraus hat man:
| Beobachtete B. H. | = 1088,000 |
| Correct. w. d. Niveau's | = -1,419 |
| 1086,580 | |
| Correct. w. d. Temperatur | = -0,125 |
| Wahre B. H. | = 1086,455 |
Hieraus ergiebt sich die Höhe über Berlin's Horizont = 6062 Par. Fuß um 1 Uhr 51 Minuten.
Die Luft war rein und mild und die Sonne schien hell in die Gondel. Berlin verloren wir aus dem Gesicht, aber dafür erhielten wir die unbeschreiblich schöne und überraschende Aussicht auf die Wolken hinab zu beiden Seiten der Gondel. Auf der einen Seite in unförmlichen Massen wie ein Meer, auf der anderen hellglänzend wie übereinander gethürmte Eisgebirge - damit verglich sie wenigstens unsere Phantasie - schienen sie dicht auf der Oberfläche der Erde zu ruhen, und wir konnten uns, als wir einander unsere Bemerkungen darüber mittheilten, bei aller Gewalt, welche wir der Vernunft über die Wirkung der sinnlichen Anschauung zu verschaffen suchten, kaum überzugen, daß die Erdbewohner nicht in diesen Wolkengebirgen umherzuwandeln genöthigt seyen. Zunächst um uns war nicht eine Spur einer Wolke zu bemerken.
3. Aus der Beobachtung Nr.4. der Tabelle Barometerhöhe 959.
Thermometer am Instrument = 8°,0.
Thermometer im Freien = 5°, welches ich als richtig annehme, da die einschließende Glasröhre Zeit genug gehabt hatte, um abgekühlt zu werden.
Daraus hat man:
| Beobachtete B. H. | = 959,000 |
| Correct. m. d. Niveau's | = -2,135 |
| 956,864 | |
| Correct. w. d. Temperatur | = +0,443 |
| Wahre B. H. | = 957,307. |
Hieraus ergibt sich die Höhe über Berlin's Horizont = 9249 Par. Fuß.
Die Luft wird kühl. Keiner von uns empfindet Beängstigung oder Andrang des Bluts nach dem Kopfe. Die Aussicht auf die Wolken unter uns wird immer schöner und ist durchaus nicht zu beschreiben.
Die Erde verschwindet, wenigstens meinen Augen, in ihrem Detail. Mein Begleiter erkennt noch Gegenstände.
4. Aus der Beobachtung Nr.5 der Tabelle Barometerhöhe 794.
Die Beobachtungen der Thermometer fehlen durch irgend einen Zufall. Da aber die Zeit dabei genau bestimmt ist, so ist es nicht ganz unwichtig, auch die dazu gehörige Höhe zu wissen. Ich will daher die Temperaturen durch Interpolation, der vorhergehenden und folgenden Beobachtung gemäß, freilich nur ungefähr zu bestimmen suchen.
Auf diese Weise erhält man:
Thermometer am Instrument +3°,2.
Thermometer im Freien +2°,2.
Daraus hat man:
| Beobachtete B. H. | = 794,000 |
| Correct. w. d. Niveau's | = -3,050 |
| 790,949 | |
| Correct. w. d. Temperatur | = +0,586 |
| Wahre B. H. | = 791,535 |
Hieraus ergiebt sich die Höhe über Berlin's Horizont = 14111 Par. Fuß um 2 Uhr 1 Minute.
Die Kälte fing an empfindlich zu werden. Bald nachdem ich das Barometer beobachtet hatte, ward eine Taube ausgesetzt. Mein Begleiter sahe sie fallen. Aber sie äusserte durchaus kein Bestreben, auf die Gondel zurück zu fliegen, wie man dieß bisweilen in großen Höhen bemerkt haben will.
Darauf leerte ich eine der Wasserflaschen. Wir befanden uns wohl, verstanden einander, ohne lauter, als gewöhnlich, reden zu dürfen. Die Erde verschwand meinem Blicke gänzlich.
Wir hatten nun ausgeworfen, was wir auswerfen wollten, und ich hoffte, bald die größte Höhe zu erreichen. An Belastung hatte der Ball verloren:
| Ballast 12 Pf. |
| Die Gans 5 |
| Wasser 2 1/2 |
| Eine Taube 1/2 |
| 20 Pf. |
|---|
so daß sein Gewicht nur noch 455 Pf. betrug.
5. Barometerhöhe der Beobachtung Nr.6 der Tabelle 749.
Thermometer am Instrument +1°,8
Thermometer im Freien +1°,4
Daraus hat man:
| Beobachtete B. H. | = 749,000 |
| Correct. w. d. Niveau's | = -3,299 |
| 745,700 | |
| Correct. w. d. Temperatur | = +1,415 |
| Wahre B. H. | = 747,115 |
Woraus eine Höhe von 15528 P. F. über Berlin's Horizont folgt.
Der Ball war jetzt völlig ausgedehnt, und das Quecksilber im Barometer blieb unverändert auf seiner Höhe stehen; Alles ein Beweis, daß ich die größte Höhe erreicht hatte, wenige Minuten nach 2 Uhr oder etwa eine halbe Stunde nach meiner Abfahrt von der Erde.
Ich sperrte Luft in einer Röhre aus Quecksilber, verschloß sie sorgfältig in ein dazu gehöriges Futteral und öffnete den Schlauch, aus welchem das Gas sichtbar mit weißen Dämpfen ausströmte. Die Kälte war empfindlich. Das Wasser im Hauche schlug sich in großer Menge nieder. Keiner von uns empfand Beängstigungen oder Andrang des Bluts nach dem Kopf, noch weniger floß es sichtbar aus. Nur meinem Begleiter wandelte eine kleine Übelkeit an, mehr wol, weil ihm der Geruch des ausströmenden Gases beschwerlich war und Ekel verursachte, als daß Verdünnung der Luft und Verminderung der Temperatur davon die Ursach gewesen wären.
Besorgt um ihn öffnete ich das Ventil, wir fingen an zu sinken, und sogleich verlor sich bei ihm die Übelkeit, aber ein kurzer Schlaf von etwa einer Minute stellte sich ein, aus dem ich ihn durch mein Gespräch weckte. Er versicherte, daß er sich wieder ganz wohl befände, und schrieb die Beobachtung Nr.7 der Tabelle auf, aus welcher deutlich hervorgeht, daß wir im Sinken waren.
Merkwürdig ist es, daß auf der ganzen Reise das Electroscop nie eine Spur von Electricität zeigte, so fleißig ich es auch beobachtete. Das Hygrometer zeigte nach der Tabelle in der einen damit angestellten Beobachtung einen mittleren Grad der Feuchtigkeit.
Berechnet man die Geschwindigkeiten des Ballons in den verschiedenen Stationen meiner Reise bis hierher; so erhält man von der Erde bis zur Höhe von 6062 P. F. die mittlere Geschwindigkeit von 6,3 P.F. in der Sekunde; von hier bis zur (zweifelhaften) Höhe von 14111 P. F. die mittlere Geschwindigkeit von 13,4 P. F. in der Sekunde; und von hier bis zur größen Höhe, wenn ich die Zeit mit großer Wahrscheinlichkeit auf 2 Uhr 5 Minuten setze, die mittlere Geschwindigkeit von 6,3 P. F. in der Sekunde.
Vergleicht man diese Resultate mit einander, so scheint in der Beobachtung der Zeit in Nr. 3 der Tabelle ein Fehler zu liegen; obgleich klar ist, daß nach Verminderung des Gewichts des Ballons durch Auswerfen der Gans, der Taube und des Wassers seine Geschwindigkeit zunehmen mußte. Die mittlere Geschwindigkeit desselben während seines Steigens erhält man = 8,6 Par. Fuß in der Sekunkde.
Ehe ich aber weiter gehe, muß ich über die zuletzt berechnete größte Höhe einige Bemerkungen machen.
Ist h diese Höhe, a die Belastung des Ballons, V sein kubischer Inhalt, p das Gewicht eines Kubikfußes atmosphärischer Luft an der Oberfläche der Erde, und das Wasserstoffgas im Ballon n mal eigenthümlich leichter, als die atmosphärische LUft; so ist, wenn man auf Verschiedenheit der Temperaturen nicht Rücksicht nimmt,
dem Mariottischen2) Gesetze und den bekannten Regeln der Höhenmessung durch das Barometer gemäß. Will man den Trembley'schen Koefficienten mit in die Rechnung bringen und diesen m nennen, so hat man
Indessen da 10000 Kubikfuß Gas, von einer die Wärme schlecht leitenden Hülle von gefirnißtem Taffent eingeschlossen, wol nicht so schnell so schnell zur niedrigeren Temperatur der umgebenden Luft in einer großen Höhe kommen, so scheint es, wenigstens für die kurze Zeit, in welcher ich die größte Höhe erreicht habe, gerathener, den Koefficienten m ganz wegzulassen. Auf keine Weise kann bei einer geringen Verschiedenheit der Temperaturen daraus ein großer Fehler erwachsen.
Aus der ersten Formel aber erhält man
Nun ist h = 15528; p = 0,086263 Par. Pf.;
V = 10724 Par. Kubikfuß;
a = 455 Par. Pf.
Hieraus erhält man
folgl.
oder n noch mehr, als 9. Dies haben alle bisherigen Versuche, wobey das Wassserstoffgas mit Hülfe der Schwefelsäure und des Eisens entwickelt ward, nicht gegeben. Sollte die vorzügliche Güte des bey meinem Versuche angewandten Eisens, welches größtentheils aus wenig gerosteten Drehspänen von geschmeidigem Eisen, nebst einigen Zentnern zerkleinten Eisenblechs, wozu noch ein kleiner Theil Zink kommt, bestand, und die Sorgfalt, mit welcher es zuerst durch gesättigtes Kalkwasser und dann noch einmal durch trocknen gebrannten Kalk auf einem langen Wege zum Ballon geleitet ward, vielleicht dazu beygetragen haben? Oder ist in den Voraussetzungen, auf welchen jene Formel beruht, vielleicht ein Fehler?
Rechnet man zu jener Höhe noch 123. P. F., welche Berlin über der Meeresfläche liegt; so erhält man 15651 P. Fuß, oder etwa 3/4 einer deutschen Meile, oder die Höhe des Brockens beynahe fünf mal.
Abstieg
Wir sanken nun allmählig zur Erde. Ich nahm das Barometer von dem Stativ ab und verwahrte es, so gut ich konnte, neben dem andern in der Gondel. Als ich die grössern Massen auf der Erdoberfläche schon zu unterscheiden anfing und die Gegend, über welcher wir schwebten, zum Landen äusserst bequem fand, die ein weites Ackerfeld ohne Gewässer und Wald in der Nähe war; so bat ich meinen Begleiter, den Anker, welcher hinter ihm am Reifen befestigt war und zwischen unsern Füßen lag, auszuhängen. Leider aber war das Werkzeug mit seinen Armen zwischen die Sandsäcke, Instrumente, u. s. w. gerathen und in sein eigenes Tau so verwickelt, daß es geraume Zeit kostete, wes von diesem Allen zu befreien.
Dazu kam, daß es für die schwächeren Kräfte des jungen Mannes vielleicht ein wenig zu gewichtig war; — kurz die Gondel schlug schon auf die Erde heftig auf, da mein Begleiter sich des Ankers eben so weit ermächtiget hatte, daß er ihn stehend und mit der einen Hand an dem Stricke der Gondel sich haltend über die Lehne derselben hinaus werfen wollte. Dadurch verlor er das Gleichgewicht im Stehen und fiel in demselben Augenblick über den Bord der Gondel zur Erde, zerbrach dabey wahrscheinich das Gefäßbarometer, und schleuderte das andere nebst noch einigen Sachen heraus.
Dieß geschahe zwischen Heinersdorf und Groß-Beeren, 2 und eine halbe Meile von Berlin, Nachmittags halb 3 Uhr. Pfeilschnell flog ich nun wieder in die Höhe, sah meinen Begleiter ruhig aufstehen und davon gehen, der mich selbst aber, wie er versichert, bald aus dem Gesicht verlor.
Da saß ich ohne Instrumente, um auch nur meine Höhe im Ballon bestimmen zu können, am wenigstens hatte ich erlangt was ich wünschte, mit Hülfe der gewiß in der Nähe gegenwärtigen Menschen bey einer wirklichen Landung die oben erwähnte schiefe Lage der Gondel zu verbessern, um die Versuche über die Verdunstung der Naphte anzustellen. So war mir das Kästchen mit den Flaschen voll Naphte nicht einmal geblieben.
Auch das Instrument, worinn ich Luft durch Quecksilber in meiner vorigen größten Höhe gesperrt hatte, war umgekehrt, und dadurch der Versuch ganz unbrauchbar geworden.
Die zweite noch gefüllte Wasserflasche war zerbrochen, das Körbchen mit den Vögeln war auch nicht zu finden, — kurz ich hatte nichts, womit ich mich dort oben hätte nützlich hätte beschäftigen können. Und doch mußt' ich steigen, selbst wider meinen Willen, da jetzt mein Steigen ganz unnütz war. Ich muß bald darauf eine beträchtliche Höhe erreicht haben; denn mich fror sehr, das Thermometer zeigte 0°, ich fühlte einiges Herzklopfen und ließ mich herab, noch ehe der Ball völlig ausgedehnt war.
Wie hoch ich gestiegen sey, kann ich durchaus nicht bestimmen; daß es aber wol höher gewesen seyn muß, als da mein Begleiter noch bey mir war, scheint mir theils daraus zu erhellen, daß die Kälte mir empfindlicher und nach dem, freylich unsichern, Thermometer auch grösser war, theils auch daraus, daß der junge Költz, der sehr gut in die Ferne sieht, mich aus dem Gesichte verlor, wenn ich mich auch nicht auf eine Schätzung nach der Güte des Gases und der Belastung des Ballons berufen darf, weil einmal jene sich um so weniger genau bestimmen läßt, da durch Oeffnung des Schlauches und des Ventils bey der vorigen Landung das Gas gewiß mit einer beträchtlichen Menge atmosphärischer Luft vermischt war, und zweitens mein Ball nicht seine völlige Ausdehnung erhielt.
Ich näherte mich also langsam der Erdoberfläche wieder und bemerkte, daß ich auf eine große Weite hin keinen bequemen Landungsplatz finden würde, indem die Gegend, welcher ich mich näherte, überall mit Morästen, Wiesen und Wäldern bedeckt war. Nur in der Nähe des Punkts, über welchem ich senkrecht schwebte und welchen der ausgehängte Anker mir ziemlich genau bezeichnete, bemerkte ich mehrere Ortschaften.
Daher konnt' ich bey'm Landen noch Hülfe erwarten und also entschloß ich mich, sogleich Anstalten dazu zu machen. Das Ventil war geöffnet, ich sank schneller.
Aller Ballast, wohin ich auch das Tischchen rechne, welches ich von der Gondel losgeschraubt hatte, war zur Hand gelegt, und ich sah nun ruhig hinunter, wohin mein Anker fallen würde. In einem nahe gelegenen Dorfe (Neuendorf) erkannte ich schon mit bloßen Augen die Strohhütten und hörte die Hähne krähen. In demselben Augenblicke fiel mein Anker in einen morastigen See, und schnell war ich das Tischchen nebst den Sandsäcken aus, um nicht mit der Gondel in das Wasser zu tauchen. Ein heftiger Wind riß mich fort über eine Wiese, wieder einen Morast, dann wieder eine Wiese — bis endlich in einem sumpfigen Elsenbusch hin. Hier faßte der Anker, wahrscheinlich an einem der Bäume, über welche ich hinwegschwebte, ließ aber in dem Augenblick wieder los, ohne Zweifel weil, wie ich hernach bemerkte, der Arm, mit welchem er gefaßt hatte, zerbrach. Auch zerbrach der hölzerne Reif, an welchem meine Gondel hing, wodurch mir indessen weiter kein Nachteil erwuchs, da zwey darum gelegtet Taue ihn noch zusammenhielten.
Das Alles war nur ein Moment. Der Anker hielt mich bald darauf zum zweiten Male fest und ließ mich eben so schnell wieder fahren, wahrscheinlich weil, wie sich bey nachheriger Untersuchung ergab, ein zweiter Arm davon abbrach. Er faßte zum dritten Male, da ich mich schon einem dichtern und höhern Fichtenwalde näherte, und nun hielt er mich glücklich fest.
Dieß war in der Nähe von Neuendorf, eine halbe Meile von Trebbin und 5 und eine halbe Meile von Berlin, Nachmittags um 3 Uhr 35 Minuten.
Ich hatte also in horizontaler Richtung genau in 2 Stunden, ohne bey der ersten Landung auf der Erde verweilt zu sein, eine Strecke von 132000 Rheinl. Fuß zurückgelegt.
Das giebt eine mittlere Geschwindigkeit des Windes, mit welcher ich fuhr, von beynahe 37 Rheinl. Fuß in der Sekunde, vorausgesetzt, daß ich, wie es wahrscheinlich ist, stets in derselben Richtung mich bewegte.
Bald darauf kamen mir Leute zu Hülfe, die den Ball hielten, daß ich aussteigen konnte, und nun ward er mit vieler Mühe, da er noch eine beträchtliche Steigkraft hatte und der Wind ihn heftig umher warf, ausgeleert. Nicht genug rühmen kann ich die zuvorkommende Güte und Freundschaft, mit welcher ich dabey von dem Hrn. Oberprediger Pfützenreuter, dem Hrn. Oberamtmann Renne, dem Hrn. Burgemstr. Töpfer, und Hrn. Oberförster Lenze aus Trebbin, so wie vom Herrn Steibelt aus Trebbin, so wie vom Herrn Steibelt aus Berlin, unterstützt und mit Erfrischungen, da die Arbeit bis nach 5 Uhr dauerte, erquickt ward.
Ersterer nahm mich gütig in seine Behausung auf, und ließ mich im Kreise seiner liebenswürdigen Familie und einiger gebetener Freunde alle kleinen Beschwerlichkeiten meiner Reis vergessen. Ja auch an meinen kleinen Begleiter dachte man. Bothen zu Pferde und zu Wagen wurden, um mich über sein Schicksal, wo möglich, zu beruhigen, von dem Herrn Oberamtmann Reyne ausgesandt, aber vergebens.
Denn schon um 7 UHr war er in Charlottenburg angelangt, und hatte das Glück Ihren Majestäten des Königs und der Königinn vorgestellt zu werden, und Allerhöchstihnen von seinem Schicksalen auf der Reise und den meinigen, so weit sie ihm bekannt waren, erzählen zu dürfen.
Nochmals auch hier öffentlich, meinen wärmsten, innigsten Dank jenen guten, theilnehmen Menschen, denen es Freude ist, Andern Freude zu machen. Nie werde ich ihrer vergessen!
Am Morgen des folgenden Tages trat ich die Rückreise nach Berlin an, woselbst ich nach 3 Uhr Nachmittags eintraf, und mich sogleich von da zu Ihren Majestäten nach Charlottenburg begab, um Allerhöchstihnen, wenn Sie es befühlen, Bericht von meiner Reise zu erstatten. Ich hatte das Glück, vorgelassen und mit herablassender Güte empfangen zu werden. Ihre Majestäten geruheten Allerhöchstselbst, sich nach manchen Umständen, die ich in meiner Erzählung vergaß, zu erkundigen, und entließen mich mit den schmeichelhaftesten Beweisen von Allerhöchstihrer Gnade.
So endigte meine zweite Luftreise, auf der ich abermals inne geworden bin, wie mißlich es mit den dabei anzustellenden Versuchen ist, weil ein kleiner unvorhergesehener Umstand leicht Alles verderben kann. Schade, daß Diejenigen, die so oft diese Reise unternehmen und gewiß nicht selten unter den günstigsten Umständen, sie nicht, wenn auch nur nebenbei, zur Förderung der Wissenschaft benutzen wollen oder können!
