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Ist Mitteldeutschland die Wiege der Ballonfahrt?

Friedrich Wilhelm Jungius - Bericht über die 1. Ballonfahrt

Ausführlicher Bericht über meine Luftreise am 16.ten September d.J.

Aufgesetzt von W. Jungius

Berlin, 1805.

Bei Friedrich Maurer.

Ausführlicher Bericht über meine Luftreise am 16.ten September d.J.

Schon als vor zwei Jahren Garnerin hier aufstieg, und es mich verdroß, daß er unserm verdienstvollen Chemiker, dem Herrn Geheimen Rath Hermbstädt, einen Platz in seiner Gondel unter - wie es mir schien - nichtigen Gründen späterhin versagte, den er ihm früher versprochen hatte, faßte ich den Entschluß, mir selbst einen Ballon zu verfertigen, und mit demselben, vielleicht in Gesellschaft eines bekannten Physikers, mehr zur Bereicherung der Wissenschaft, als zur Belustigung des Publikums, eine Luftreise zu machen. Ehe noch dieser Vorsatz in mir zur Tat reifte, erfuhr ich, daß der Herr Professor Bourguet schon mit den Zubereitungen zu einer Luftreise in dem nächsten Frühjahre beschäftigt sey, und dies ließ mich meinen Vorsatz sogleich ganz aufgeben.

Erst nachdem diese nicht geglückt war, der Herr Professor Bourguet auch zögerte, sie zu wiederholen, und endlich um Ostern d. J. eine Gesellschaft, welche sich die Liebhaber der Aerostatik nennt, und die, soviel ich gehört habe, aus der Sache unkundigen Leuten besteht, ankündigte, daß nächsens Einer aus ihrer Mitte mit einem Luftball, durch Feuer gefüllt, wie sie sich - wenn ich mich recht erinnere - ausdruckte, auffsteigen würde, woraus ich für den deutschen Ruhm wenig Ersprießliches ahnete, entschloß ich mich, trotz meiner damals sehr beschränkten Zeit und mit Aufopferung aller meiner Muße, die mir, da ich ihrer überhaupt so wenig hatte, gerade um so nöthiger war, nun fest, mir selbst einen Ballon zu verfertigen, und mit ihm eine Reise in die höheren Regionen der Atmosphäre zu unternehmen, um, wenn sie mir gelänge, der Welt eben dadurch zu zeigen, daß auch ein Deutscher zur Ausführung eines solchen Unternehmens Muth und Kraft habe, möchte sie auch bis dahin noch keinem, der sie versuchte, gelungen sein.

Meinem Vorsatze folgte die That auf dem Fuße.

Der Herr Kaufmann Gabain lieferte mir eine Probe eigends dazu verfertigten Taffents, welchen ich seiner inneren Güte und besonders seiner Dichtheit wegen meinem Zwecke ganz entsprechend fand.

Der Herr Hoftafirer Recht übernahm das Firnissen desselben nach einer Probe, welche auf der Luftpumpe bei jedem, auch dem größten, Druckefür Luft und Wasser fast undurchdringlich gefunden ward; kurz, ich konnte meine Bestellungen schon innerhalb acht Tagen nach meinem selbstgefaßten Versatze machen, und hatte bald die Freude, an dem Ballon selbst ämsig, doch mit aller Sorgfalt, arbeiten zu sehen.

Ballon von Jungius - Maße

Es erhielt derselbe die Gestalt eines Sphäroids, indem er aus zwei Halbkugeln, deren Durchmesser = 25,5 Par. Fuß1) und einer Aequatorialzone von 4 Par. Fuß Höhe2) zusammengesetzt war. Demnach war sein Inhalt = 10724 Par. Kubikfuß3).

Mit derselben Sorgfalt, womit der Ball4) verfertigt ward, wurden auch die übrigen Anstalten getroffen, und endlich konnte ich auf den vergangenen 16ten d. M. meine Abreise festsetzen.

Alles ging an diesem Tage vortrefflich, und belohnte mit dem glücklichsten Erfolge meiner darauf verwandte Mühe. Schon mehrere Tage hindurch war das Wetter ungewöhnlich heiter gewesen, obgleich in den letzten Tagen stets gegen die Mittagszeit der Wind zu wehen anfing. Dies letzteres bestimmte mich hauptsächlich, meinen Ball in der Morgenzeit zu füllen, damit er sich schon selbst überlassen seyn könnte, wenn vielleicht gegen Mittag der Wind noch heftiger zu wehen anfangen sollte, als er biher um diese Tageszeit geweht hatte.

Füllen

Um vier Uhr des Morgens also, nachdem jeder Arbeiter auf dem ihm angewiesenen Posten war, ließ ich die Füllung ihren Anfang nehmen, und zwar nur erst aus drei Fässern, einem in jeder Batterie, deren ich drei hatte, jede zu acht Fässern, jedoch die eine von dem doppelten Inhalte.

Kaum eine Spur von Gas konnte entwischen und durch den Geruch bemerkbar werden, so dicht war Alles verschlossen, und zu meiner und meines Freundes, des Herrn Professors Bourguet, Verwunderung, welcher gegenwärtig war und mir bei dem ganzen Geschäfte hilfreiche Hand leistete, wofür ich ihm hier öffentlich meinen so herzlichen, als verbindlichen Dank abstatte, schwoll der Ball, ich möchte sagen, augenblicklich auf.

Überzeugt von der Güte meiner Vorrichtungen, bat ich den Herrn Professor Bourguet, nach meiner Angabe die Füllung fortgehen zu lassen, und eilte um halb fünf Uhr nach meiner Wohnung, theils um meiner Schwester, welche dort meiner harrte und von mir die versprochene Nachricht von dem Erfolge der angefangenen Füllung erwartete, zu sagen, daß alles gut gehe, theils um mich ein wenig anzukleiden und, da ich die ganze Nacht thätig gewesen war, einige Erfrischung zu genießen.

Um sechs Uhr morgens war ich wieder auf dem Platze, und siehe! mein Ballon schwebte schon, sich selbst aufrecht haltend, und konnte nur mit Mühe von den Arbeitern an der Erde zurückgehalten werden.

Ich ließ jetzt die Füllung langsam fortgehen, damit, wenn Se. Majestät der König mir vielleicht Ihre Gegenwart zu schenken geruhet hätten, Allerhöchstdieselben sich von der Wirksamkeit meiner Anstalten, die dann in volle Thätigkeit wieder gesetzt worden wären, durch den Augenschein hätten überzeugen können.

Indessen mußte ich endlich diese schmeichelhafte Hoffnung aufgeben, und ließ daher den kleinen Ballon, der zur Mitnahme eines Taubenpaars bestimmt war, füllen.

Start eines kleinen Probeballons

Um halb zwölf Uhr etwa überließ ich ihn mit seiner leichten Lasst den Lüften, die ihn, wie ich höre, nach Wollup5), einem königlichen Amte im Oderbruche, wo er Nachmittags niedergefallen seyn soll, geführt haben. Jetzt schickte ich mich zu meiner Abreise an. Die Gonden ward an den Ball befestigt, und die weitere Füllung, welche jetzt etwa zwei Drittheile des ganzen Inhalts des Balles betragen mochte, hörte auf. Ich prüfte nun die Steigkraft desselben und fand sie, außer dem Gewichte meiner Person, noch zwischen 180 und 190 Pariser Pfunden.

Indessen nahm ich, außer meinen Instrumenten, meinem Mantel, einigen Stricken u.sw., nur 62 Pfund Ballast mit.

Diesemnach betrug die sämmtliche Belastung des Ballons, sein eigenes Gewicht mit eingeschlossen, 390 Pariser Pfunde; nämlich

Bauteile des Ballons Gewicht in
und Zuladung P. PFD kg
Der Ball 78 35,88
Das Netz 39 17,94
Die Gondel 40 18,40
Der Reif 15 6,90
Der Anker nebst dem Taue und Stricken 20 9,2
Ballast 62 28,52
Die Instrumente nebst einem Mantel u.s.w. 30 13,8
Meine Person 106 48,76
Startgewicht 390 179,40

Aufstieg

Kommentar: Der Start erfolgte im Garten der Tierarzeischule, heute Humboldt Graduate School Luisenstraße 56 10117 Berlin Google Maps 52.5243941N 13.380541E

Einige Minuten nach zwölf Uhr gab ich ein Zeichen, daß man den Ball loslassen möchte, und erhob mich unter den Glückwünschen meiner umstehenden Verwandten und Freunde und den lauten Zurufen der Zuschauer in die Lüfte.

Schnell verkleinerten sich meinem Blicke die Gegenstände auf der Erde, und dies bald nicht mehr so merklich geschah als Anfangs, so glaubte ich, getäuscht durch den neuen Ausbllick, daß mein Flug aufwärts nicht mehr so rasch sey, als ich wünschte, und warf theils deswegen, theils um vielleicht bald in ruhigere Regionen zu kommen (denn ununterbrochen ward die Gondel vom Winde geschaukelt), nach und nach 21 Pfunde Ballast aus, so daß ich also meine Reise nur noch mit 41 Pfunden Ballast fortsetzte.

Fahrt

Lange behielt ich Berlin im Gesichte, welches mir in dem weiten Gesichtskreise, den mein Auge überblicken konnte, in einer äußerst verächtlichen Gestalt, wie ein Häufchen Steine am Wege, erschien.

Den Totalausblick der Erde von der größten Höhe, wo mir dieselbe noch sichtbar blieb, weiß ich nichts Passennderem zu vergleichen, als mit dem Anblicke des Vollmondes durch ein gutes Teleskop, den Glanz abgerechnet.

Alles hatte sich geebnet und war zu einer Zeichnung geworden.

Der Himmel über mir hatte eine dunkel-schwarzblaue Farbe. - Aber ich hatte mich sehr getäuscht in der Hoffnung, die höheren Regionen der Atmosphäre ruhiger zu finden. Vielmehr ward es, je höher ich kam, desto stürmischer, und unaufhörlich peitschten Windstöße meinen Ball, wehten den flatternden Schlauch mir in das Gesicht, und schleuderten die Gondel von einer Seite zur andern,

„und da hing ich, und war's mir mit Graußen bewußt, von der menschlichen Hülfe so weit.“

Wahrlich kann es gerade kein Vergnügen sein, in dieser isolierten Lage so den Stürmen Preis gegeben zu wissen. Doch überzeugt von der Sicherheit meiner Anstalten und vorbereitet auf alle diese Ereignisse, konnten sie meine Standhaftigkeit so wenig erschüttern, daß es mir vielmehr lieb war, sogleich auf dieser Fahrt eine Erfahrung zu machen, die bei stillerem Wetter den Luftschiffern unbekannt bleibt. Versuche anzustellen, war da nicht die Zeit.

Kaum daß ich meine Hände so weit frei erhalten konnte, mir meinen Mantel anzuziehen, der in der empfindlichen Kälte mir nothwendig ward. Das Barometer schwankte unaufhörlich, und nur ungefähr konnte ich die Höhe des Quecksilbers darin bestimmen. Diese, so wie die Kälte der Region, in welcher ich mich befand, belehrte mich, daß ich schon sehr hoch gestiegen sey. Bald darauf hörte ich über mir an dem Ballon ein Geräusch, blickte auf und sah, daß, ungeachtet ich Schlauch und Ventil stets offen zu erhalten gesucht hatte, mein Ball von dem in ihm so sehr expandierten Gase, womit er für seine Belastung, die jetzt nur noch 368 Pariser Pfund6) betrug, überfüllt war, einen Riß von etwa 2 Fuß in der Länge, dicht am Schlauche, bekommen hatte.

Dies beunruhigte mich weiter nicht, sondern ließ mich vielmehr schließen, dass ich jetzt meine größte Höhe erreichen würde, weshalb ich mich zu einer etwas genaueren Barometer-Messung, bei dem noch immer fortdauernden Schwanken der Gondel, so gut es gehen wollte, anschickte.

Zu dem Zwecke ließ ich das Quecksilber im kürzeren Schenkel meines vortrefflichen von Renard verfertigten Heberbarometers 7), dem Augenmaße nach, gleich viel über und unter dem Absehen schwanken und bemerkte nun, daß es bei dieser Stellung der beweglichen Skale in ruhigeren Augenblicken im längern Schenkel zwischen 12 und 13 Zoll schwankte, so daß also ziemlich wahrscheinlich die Barometerhöhe 12,5 Zoll war. Das 80teilige Thermometer zeigte -5°, und in der That zitterte ich, der ich noch vor etwa 20 Minuten an der Oberfläche der Erde noch geschwitzt hatte, jetzt am ganzen Körper vor Frost, wer welchem mein Mantel bei den noch immer fortdauernden Windstößen mich nur wenig schützte.

Bald darauf musste ich eingeschlafen sein. Doch bin ich mir des Zeitpunkts: wann? durchaus nicht bewußt, so wenig, als ich mich überhaupt erinnere, schläfrig geworden zu sein. Aber die schnelle Verminderung der Temperatur, so wie die eben so schnelle und so beträchtliche Abnahme des Druckes der Luft auf die Gefäße meines Körpers, ließen mich auch plötzlich in einen Schlaf verfallen, deß ich mich unmöglich erwehren konnte, weil ich sonst gewiß in meiner gefahrvollen Lage, sitzend in der Gondel, mich desselben mit Anstrengung erwehrt haben würde.

Abstieg

Etwa nach einer halben Stunde, da mein Ball, wie ich bald darauf bemerkte, schon im Sinken war, erwachte ich wahrscheinlich, weil Temperatur und Druck der Luft wieder im Zunehmen waren, und ward zu meinem großen Erschrecken inne, daß ich in einer höchst gefährlichen Lage eingeschlafen war. Noch fühlte ich deutlich, dass ich schläfrig sei, und um wenigstens nicht wieder in einer so gefährlichen Lage einzuschlafen, legte ich mich auf den Boden der Gondel, welche dazu groß genug war, nieder, bemerkte aber jetzt, daß die Erde, die in der größten Höhe, in einen florartigen Nebel gehüllt, meinen Augen ganz unkenntlich geworden war, mir jetzt schon wieder zu dämmern und in ihren einzelnen Gegenständen deutlich zu werden anfing; ein sicherer Beweis, dass mein Ball schon beträchtlich gesunken war, und, da das Sinken desselben, des Risses in seinem unteren Theile wegen, fortdauern mußte, noch sinke.

In der That erkannte ich Kurzsichtiger auch nach etwa einer Viertelstunde schon deutlich Wälder, Seen, Ackerland, u.s.w. mit bloßem Auge, und war auf ein baldiges Landen gefaßt.

Landung

Deutlich fühlte ich durch ein geringes Erbeben der Gondel, das Aufschlagen des Ankers auf der Erde, den ich an einem 60 Fuß langen Tau schon vor dem Einschlafen herab gehängt hatte.

Nach einigen Minuten etwas schlug die Gondel mit den Instrumenten knarrend und klirrend in der Nähe von Müncheberg auf die Erde - ein schreckhaftes Getöse für den, der es zum ersten Mal in der Gondel selbst hört - und ich ward nun, das mein Anker des heftigen Windes wegen, welcher mich forttrieb, nicht Gelegenheit zum Eingreifen hatte, etwa noch 5 Minuten lang auf der Erde, und einmal sogar über einen Theil eines Sees, wo ich, um die Gondel zu erleichtern, 8 Pfund Ballast auswar, geschleift, doch am Ende noch mit 33 Pfund Ballast in der Gondel von einem herbeieilenden Jäger und einem Landmanne, welche das Ankertau um einen großen Feldstein schlangen, fest gehalten.

Nachlese

Meine Reise hat also überhaupt noch nicht volle anderthalb Stunden gedauert, in welcher Zeit ich in gerader Linie 7 Meilen zurückgelegt habe, so daß also auf die Meile 12 Minuten Zeit kommen, wobei aber die Umwege, die ich vielleicht, und wahrscheinlich, gemacht habe, nicht gerechnet sind.

Nach einer halben Stunde war der Ball vom Winde selbst, der den in der obern Atmosphäre erhaltenen Riß vergrößerte, ausgeleert, und ich kehrte nach Müncheberg zu dem dortigen Herrn Justizrath Schwarz, der mich sehr freundschaftlich aufnahm und bewirtete, zurück, von wo ich am Mittage des folgenden Tages die Reise nach Berlin mit einer Extrapost antrat.

In Friedrichsfelde ward ich von einer Schaar herzlicher, mir glückwünschender Freunde empfangen, von Ihrer Durchlaucht der Prinzessin vom Holstein-Beck in das Schauspiel eingeladen, und hatte darauf die Ehre, Ihrer Majestät, der regierenden Königin, so wie noch mehreren fürstlichen Personen und Großen des Hofes vorstellt zu werden. In der Nacht um 12 Uhr erreichte ich endlich Berlin, welches ich gerade 36 Stunden zuvor mit meinem Ballon verlassen hatte.

Wenn auch gleich die Wissenschaft, der ungünstigen Witterung wegen, bei dieser Reise ganz leer ausgegangen ist, so habe ich doch wenigstens die Genugtuung, dem Publikum mein ihm gegebenes Versprechen in aller Art pünktlich als ein Deutscher erfüllt, und ihm selbst vielleicht wieder Zutrauen Zutrauen zu Unternehmungen dieser Art erweckt zu haben.

Welche Höhe wurde erreicht?

Was nun die größte Höhe betrifft, zu welcher mein Ball sich erhoben hat; so läßt sich diese, der zweifelhaften Barometermessung wegen, nicht mit voller Gewißheit bestimmen.

Der Herr Hofmechanikus Renard hatte mir versprochen, das Barometer bei meiner Abreise an der Oberfläche der Erde zu beobachten, und es mir dann mit dem Hygrometer, (welche - beiläufig - beide auf der Reise unbrauchbar geworden sind, indem beim Landen die Luft über das Quecksilber im Barometer drang, und im Hygrometer das Haar zerrissen war) zu überreichen.

Leider vergaß er aber in der Eile, das Thermometer dabei zu beobachten. Doch da das Zimmer, in welchem das Instrument hing, ziemlich warm war, so läßt sich wohl eine Temperatur von +17° Reaumur8) annehmen.

Das Barometer stand auf 28„ 3“’,6=339„',6. Ich beobachtete in der Höhe den Barometerstand mit ziemlicher Gewißheit = 12“6„'==150“', und den Thermometerstand =-5„, Nimmt man nun an, daß an der Oberfläche der Erde innerhalb von 20 Minuten der Barometerstand sich nicht geändert haben (welches ich nicht weiß, jedoch vermuthe); so ist, als gleichzeitige Beobachtungen angesehen, nach bekannten Grundlagen die corrigirte Barometerhöhe an der der Oberfläche der Erde = 339,05 Linien, die corrigirte Barometerhöhe in der größten Höhe des Balls = 150,52 LInien, die mittlere Temperatur =+6°.

Daraus ergibt sich nach Trembley's Formel, eine senkrechte Höhe meines Ballons über Berlins Horizont von 20553 Pariser Fuß9)

Auf einem anderen Wege, wenn V das Volum des ganz aufgeblasenen Balls nach Pariser Kubikfußen; p das absolute Gewicht eines Pariser Kubikfußes atmosphärischer Luft an der Oberfläche der Erde; das Verhältnis der Dichtigkeit der atmosphärischen Luft zu der des Wasserstoffgases, welches den Ball füllte, =m:1; h die Höhe nach Pariser Fußen, in welcher der ganz aufgeblasene Ball im Gleichgewicht mit der umgebenden Luft war; und n die sämmtliche Belastung desselben nach Par. Pfunden ist, erhält man:

Nun ist, nach Lavoisier's Bestimmung, Log.p = 0,9358246 - 2,

und nach Obigem

Log. V = Log. 10724 = 4,0303568

Log. pV = 2,9661814

Log.a = Log.369 = 2,5670264

Log. pV/a = 0,3991550

Da ich nur füglich, nach meiner Bereitungsart des Wasserstoffgases, indem ich es zum Theil aus Zink entwickelt und überhaupt mit großer Sorgfalt bereitet habe, m=7 annehmen kann, da vorläufige Versuche mit kleineren Bällen nur sogar zwischen 7 und 8 gaben; so ist

Folglich

h = '60000 x 0, 3322083 = 19932 Pariser Fuß.

Nimmt man aus dieser und jener Höhe das Mittel, so wird das Resultat von der Wahrheit um so weniger abweichen, und für die größte Erhebung meines Ballons 20242 Par. Fuß über den Berliner Horizont geben. Da nun Berlin 123 Par. Fuß über der Meeresfläche liegt; so hätte ich mit meinem Ballon eine senkrechte Höhe von 20365 Par. Fuß über der Meeresfläche erreicht. Dei Höhe Chimborasso in Amerika beträgt, nach Condamine, 19320 Par. Fuß über der Meeresfläche. Mithin hätte mein Ball in seiner größten Höhe diese Höhe noch um 1045 Par. Fuß übertroffen.

Von dieser Höhe hätte ich auf der Erde eine Kreisfläche von 78 geographischen Meilen im Durchmesser, also 245 Meilen im Umkreis und 4776 Quadratmeilen Inhalt, übersehen können, hätten Dünste das nicht verhindert. Ich hätte Braunschweig, Wolfenbüttel, Hamburg, Posen u.s.w sehen und von diesen Oertern gesehen werden können.

Denn den mittleren Erdhalbmesser mit Klügel zu 3275790 Toisen = 19654740 Pariser Fuß angenommen, ist

19654740:19654740 + 20365 = r:fec.xp

woraus

x = 2° 36' 20“ = 39 geographische Meilen (15 auf einen Grad des mittleren größten Kreises der Erde) folgt.

Andere in der Spenerschen Zeitung angegebene Beobachtungen, an deren Genauikeit, so sehr ich auch von der Geschicklichkeit und Kenntniß des mir bekannten Beobachters überzeugt bin, ich jedoch zweifle, lassen mich sogar eine Höhe von 26500 Fuß erreichen. Indessen ist es auf der anderen Seite auch möglich, ja wahrscheinlich, daß ich meine größte Höhe erst da erreicht habe, als ich eingeschlafen war.

Denn meine eben angegebene Barometerbeobachtung veranstaltete ich bald nach dem Bersten des Ballons, da er also gewiß noch im Steigen war, und bald darauf muß ich eingeschlafen seyn.

Auch trifft die in der Spenerschen Zeitung angegebene Zeit der Beobachtung meiner größten Höhe mit diesem Zeitpunkte zusammen.

Namens- und Ortsregister

Alsleben, Mansfelder Seekreis, Prov. Sachsen 1

Berlin-Friedrichsfelde 25

Bourguet, David Ludwig (1770-1808), Prof, 1, 4, 9, 10

Braunschweig 32

Chimborazo, Vulkan in Ecuador 32

Friedrich Wilhelm III. König v. Preußen (1770-1840), 11

Friedrichsfelde s. Berlin-Friedrichsfelde

Gabain, Georg, Kaufmann 6

Garnerin, Jacques (1769-1823), franz. Luftschiffer, 1, 3

Halle 1

Hamburg 32

Hermstädt, Siegismund Friedrich (1758-1833), Prof., Arzt und Chemiker 3

Holstein-Beck, Friederike Prinzessin (1780-1862), 25

Jungius, Wilhelm Gotthilf 1

Kecht, J. S., Hoflackierer 6

Költz, Schüler 1

Kupkovius, Sabine Dorothee 1

Lavoisier, Antoine Laurent (1743-1794), franz. Chemiker und Physiker 30

Luise, Königin von Preußen (1776-1810), 25

Müncheberg, Kr. Lebus, Prov. Brandenburg 23, 25

Posen 32

Reaumur, René Antoine Ferchaul de (1683-1757), franz. Physiker 28

Reichard, Gottfried (1786-1844), dt. Luftschiffer 2

Renard, Hof-Mechaniker 19, 27

Schwarz, Georg Wilhelm Friedrich, Justizrat in Müncheberg 25

Trembley, Jacques André (1714-1763), schweizer Philosoph und Mathematiker 29

Wolfenbüttel 32

Zeune, August (1778-1855), Prof. der Geologie 1

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Beiträge zur Geschichte der Ballonfahrt, Herausgegeben von Peter P.E. Günther Band 1

Nachdruck der Ausgabe Berlin 1805
1986 Peter P.E. Günther
Reichenhaller Str.67
1 Berlin 33

1)
Pariser Fuß: Ein Pariser Fuß hat eine Länge von 32,484cm, 25,5 Pariser Fuß entsprechen also etwa 8,4 Metern
2)
4 Pariser Fuß ⇒ 4×0,32484m = 1,29936m
3)
Ein Kubikmeter entspricht 29,173851 Pariser Kubikfuß, der Ballon hatte also ein Volumen von etwa 368 Kubikmetern.
4)
Das französische Wort ballon heißt nichts anderes als das deutsche Wort Ball. Nur wird im Deutschen Ballon fast ausschließlich für das Luftfahrzeug verwendet, oder für Luftballons.
6)
Pariser Pfund etwa 460g
9)
6676 Meter
mitteldeutschland/jungius1.txt · Zuletzt geändert: von Volker Löschhorn

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