1993

Die Jahre 1990 bis 1999:
Der Text wurde der Broschüre 90 Jahre Bitterfelder Verein für Luftfahrt 1909-1999 entnommen. Autor der Texte zu den Jahren 1990 bis 1999 ist Dr. Bernd Göhrmann

1993

Gutachten, Genehmigungsverfahren und schließlich die Übereignung des Geländes an die Stadt Bitterfeld durch die Berliner Treuhandanstalt mussten vollzogen werden, ehe der Bitterfelder Verein für Luftfahrt das Gelände langfristig pachten und als dauerhaft zugelassenen Ballonstartplatz betreiben konnte.

Anfang 1993 erhielt der BiVfL durch die zuständige Luftfahrtbehörde des Landes Sachsen-Anhalt die Genehmigung zum ständigen Betrieb des Freiballonaufstiegplatzes bei Tag und in der Nacht. Nunmehr konnte wieder ein regulärer Fahrtenbetrieb aufgenommen werden, der auch den Start von vereinsfremden Piloten und Ballonen ohne Sondergenehmigungen zuließ. Er ist auch heute noch der einzige Gasballonstartplatz in den neuen Bundesländern und zudem eine wesentliche Bereicherung des Gasballonsportes in Deutschland. Den Vorzug, über eine stabile Wasserstoffquelle zu verfügen, hat der BiVfL in guter Tradition von Anfang an auch immer anderen Ballonvereinen zukommen lassen.

Am 1. Mai fand die 2. Richard-Schütze-Wettfahrt statt. Es war der letzte Tag einer bereits sommerlichen Schönwetterperiode. Die Wettfahrt wurde als Weitfahrt ausgetragen und zeitlich auf 4 Stunden begrenzt. Ein flotter SO-Wind trieb die 11 Teilnehmerballone östlich an Magdeburg vorbei. Die Landungen erfolgten größtenteils in der Nähe von Brandenburg. Sieger wurde Bertold Munz (Ballonsportgruppe Stuttgart) mit dem Ballon D-OSTZ Graf Zeppelin und einer zurückgelegten Strecke von 180 km. Der D-Bitterfeld mit dem Piloten Andreas Munz (Stuttgart) und Klaus Schmöhl belegte den 4. Platz.

Seit 1993 ist der Bitterfelder Verein für Luftfahrt Mitausrichter eines überregionalen Ballon-Jugendlagers in Renneritz, das in enger Zusammenarbeit mit dem Segelflugverein Wolfen und der Luftsportjugend des Deutschen Aerodubs (DAeC) jährlich stattfindet. Ausgangspunkt für das erste Bitterfelder Ballonjugendlager war ein von der Luftsportjugend des DAeC im August in Döbeln (Sachsen) begonnenes Jugendlager an dem auch polnische Jugendliche teilnahmen. Aufgrund von massiven Übergriffen ortsansässiger Jugendlicher war die Sicherheit der Teilnehmer nicht mehr gewährleistet, und das Jugendlager musste abgebrochen werden. In dieser unerfreulichen Situation stand der BiVfL den Organisatoren sofort hilfreich zur Seite und verschaffte den über 20 Teilnehmern kurzfristig zunächst ein Behelfsquartier im Amt für Brand- und Katastrophenschutz in Bitterfeld. Dank der Hilfe des BiVfL und der Unterstützung durch den Segelflugverein Wölfen konnten die Jugendlichen dann noch eine erlebnisreiche Woche mit vielen Ballonfahrten und Segelflügen auf dem Flugplatz Renneritz genießen.

Der erfreuliche Ausgang des ersten Ballonjugendlagers im mitteldeutschen Raum veranlasste die Initiatoren auch in den folgenden Jahren, gemeinsam mit dem Segelflugverein Wölfen, ein kombiniertes Ballon- und Segelflieger-Jugendlager auf dem Flugplatz Renneritz durchzuführen.

Ein regelmäßiger Fahrtenbetrieb ist nur mit eigenen Piloten erreichbar. Zwei Jahre mussten nach den ersten Starts noch vergehen, bis schließlich 1993 drei Bitterfelder Vereinsmitglieder stolz ihren Pilotenschein vorweisen konnten. Der Weg dorthin begann mit der ersten Ausbildungsfahrt am 26. September 1992 und war ungewöhnlich für alle Beteiligten. Die Ausbildung erfolgte an der nunmehr wieder aktivierten Luftfahrerschule des Ballonclubs Westfalen-Marl. In dankenswert engagierterweise bemühte sich Gerhard Hurck als Ausbildungsleiter um den zügigen Fortgang der praktischen und theoretischen Ausbildung. Die Theorieausbildung erfolgte im Haus der Luftsportjugend des DAeC in Hirzenhain (heute in Laucha an der Unstrut), an der Luftfahrerschule Schroeder in Schwaich und in Bitterfeld durch Stuttgarter Fluglehrer. Die Fahrpraxis wurde von den Ausbildern der Ballonsportgruppe Stuttgart Volker Löschhorn, Dr. Egon Oertel und Albrecht Munz ausschließlich auf dem Vereinsballon D-Bitterfeld vermittelt.

Am 1. Oktober legten die Pilotenanwärter vor der neu geschaffenen Prüfungskommission der Landesluftfahrtbehörde Sachsen-Anhalt die theoretische Prüfung ab. Der besonderen Initiative der designierten Prüfungsräte und dem hartnäckigen Drängen des BiVfL war es zu verdanken, dass eigens dafür eine Prüfungskommission für Freiballonführeranwärter im Land Sachsen-Anhalt berufen wurde. Damit wurde ein Grundstein zur weiteren Förderung der Ballonpilotenausbildung im eigenen Bundesland gelegt und ein Novum innerhalb der neuen Bundesländer gescharfen. Die Prüfungsräte Michael Wider und Bertold Munz kommen aus Stuttgart. Die praktischen Prüfungen wurden im Zeitraum vom 2. bis 16. Oktober abgelegt. Damit fand für die drei Piloten Dr. Bernd Göhrmann, Ralf Hirsch und Klaus Schmöhl eine nur ein Jahr währende Gasballonausbildung ihren erfolgreichen Abschluss. Es waren die ersten Ballonpilotenlizenzen die in den neuen Ländern vergeben wurden.

1993 erlebte der Startplatz Bitterfeld 45 Starts von Gasballonen aus über 10 Vereinen und Haltergemeinschaften. Der BiVfL absolvierte dabei 26 Fahrten mit einer Gesamtfahrtzeit von über 109 Stunden und einer zurückgelegten Gesamtstrecke von 2400 Kilometern. Die weiteste Fahrt führte am 29. Dezember Jungpilot Ralf Hirsch mit 230 km nach Friedrichsruh/Neubrandenburg. Die längste Fahrt dauerte 6 Stunden 35 Minuten und war eine Ausbildungsfahrt mit dem Piloten Dr. Oertel nach Cammern in der Niederlausitz.