Wo bitte liegt eigentlich Rēzekne?

Schon fast ein Jahr her ist unsere Fahrt nach Lettland… und endlich ist der Bericht fertig:

Die Aussichten sind rosig, sagte der Wetterfrosch Jens. Ein großes Hoch sollte » rechts rum drehen«, also eine Fahrt in Uhrzeigerrichtung ermöglichen. Eine Fahrt Richtung Baltikum auf dem »Umweg« über die Ostsee erschien daher möglich und Frank Zwanzig und Detlef Stremke waren heiß darauf zu schauen, ob das Wettermodell auch so funktioniert.

Treffpunkt ist am 30. Oktober 2016 um Mitternacht auf dem Ballonplatz des Bitterfelder Ballonvereins und nach dem Aufrüsten gegen 4.00 Uhr hieß es einfach warten bis zum o.k. des Meteorologen. Um eine Ankunft im Zielgebiet bei Dunkelheit zu vermeiden, wird der Startzeitpunkt mehrfach verschoben. Um 10.02 hebt der Ballon mit allen guten Wünschen des Verfolgerteams ab und entfernt sich langsam Richtung Norden.

Die Verfolger Stefan Buchmann und Alexandra Stremke übernehmen die Aufräumarbeiten und dann heißt es nur noch -Schauen was so passiert.
Es ist abgesprochen, dass wir die Autobahn Richtung Norden fahren und dann vom Piloten informiert werden, wie der weitere Streckenverlauf zu erwarten ist. Entweder noch in Mecklenburg vor Einbruch der Dunkelheit landen oder die Nacht über der Ostsee verbringen und am Morgen die lettische Küste erreichen.


Verfolger: Nach der Bestätigung der Variante 2 dreht das Verfolgerauto ab in Richtung Polen. Ab jetzt gibt es keinen Funkkontakt mehr mit dem Ballon. Wir können also nur fahren und hoffen, dass das Szenario sich nicht ändert. Langsam senkt sich die Nacht über das Land.

Ballon: Irgendwann geht auch in 3.000m Höhe die Sonne unter. Der Ballon befindet sich jetzt über schon nördlich der Mecklenburger Seen bei Teterow und langsam wird es kälter. Bei 1° Plus gibt es den letzten warmen Kaffee.
Verfolger: Der Bodentrupp hat inzwischen die polnische Grenze hinter sich gelassen, Unterhaltungsmusik und nette Gespräche lassen uns vergessen, dass wir eigentlich eine Fahrt ins Blaue machen.  Plötzlich von links nach rechts ein greller blauer Lichtstreif vor dem Auto. Was ist das? Wird auf der Ostsee geschossen? Wo ist unser Ballon?
Ballon: Kurz nach 20.00 Uhr verlässt der Ballon das Land auf der Höhe von Kap Arkona, auch Detlef hat den Lichtschein im Osten gesehen. Frank gönnt sich gerade ein erstes Nickerchen und kann so den Meteoriten nicht sehen. Von jetzt ab ist alles dunkel auf dem Meer. Das Gefühl, allein zu sein ist schon eigenartig. Auch im Flugfunk wird es still und die Lotsen haben Zeit, sich mit uns zu beschäftigen und ihre Fragen zu stellen: Was habt ihr zu trinken mit und wie macht ihr das mit der Toilette? Habt ihr eine Kabine? Ist es nicht langweilig da oben? Unser Vorhaben erntete immer wieder ungläubiges Staunen. Dann verabschieden sich die Fluglotsen in Bremen und wir rufen Schweden. Insgesamt haben wir dort nacheinander Kontakt mit fünf Stationen, wobei einer der Lotsen so wortkarg wie der andere war. Nach zwei Stunden sehen wir nochmal Land – dieses Mal Bornholm sowie die kleine Insel Ertholmene mit dem Sommerschloss des dänischen Königs. Inzwischen bewegt sich der Ballon mit fast 60 km/Stunde in etwa 3.000 m nach Nordost. Die Dunkelheit wird nur von einer hohen Leuchtrakete und einem Feuer (!) auf dem Wasser unterbrochen. Wir versuchen abwechselnd auf der Liege sitzend zu schlafen, unter der ein Großteil der Sandsäcke untergebracht ist. Wo wird unser Begleitfahrzeug jetzt sein?

Verfolger: Die Tankstellen im Norden von Polen versorgen uns in regelmäßigen Abständen mit heißen Getränken. Die Heizung und die Decken im Auto versprechen eine angenehme Fahrt. Die Kilometer verschwinden unter den Rädern und langsam werden wir müde. Ein kurzes Nickerchen auf einem Parkplatz wäre nicht schlecht. Aber es wird sehr schnell kalt im Wagen und so geht es nach zwei Stunden schon wieder weiter zum nächsten Kaffee. Am Straßenrand sehen wir Raureif und wir hoffen, dass unsere mutigen Piloten irgendwo dort über der Ostsee nicht zu sehr frieren. Langsam nähern wir uns der litauischen Grenze. Hier gibt es dann das Benzin wieder für Euros.

Ballon: Gegen 4.00 Uhr weckt Detlef den Fluglotsen in Kaliningrad mit viel Geduld und einen freundlichen „dobroe utro Kaliningrad“. Da kein Flugplan weitergereicht worden war und keiner wirklich was mit uns anzufangen wusste, versuchte uns jede Station so schnell wie möglich weiter zu reichen. Der Ballon war mittlerweile auf Ostkurs und 80 km/h schnell. Auf unserer Karte machten wir aller 30 Minuten ein Kreuz für unseren Standort und verbanden diese. 100 km vor der lettischen Küste wurden wir von Riga Control nach unseren Absichten gefragt. Antwort: Wir wollen möglichst weit in ihrem schönen Land nach Osten reisen.
Wie schon einen Tag vorher prognostiziert, erreichten wir eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang die Küste von Lettland beim Badeort Libau, inzwischen war auch unser Flugplan in Riga eingetroffen. Wir genossen die ersten Sonnenstrahlen, langsam wurde es wärmer. Unter uns war flaches Land, Wiesen, Wald, ab und zu eine Ortschaft. Da wir einen nördlicheren Kurs einnehmen wollten um möglichst weit Richtung Estland zu kommen, verließen wir nach etwa 22 Fahrstunden unsere Reisehöhe und gingen auf 600 m, später auf 200 m. Nun konnten wir per Handy auch erstmals unsere Verfolger erreichen, die inzwischen in Litauen angekommen waren. Die gewünschte Drift nach Nordosten war mühsam, da turbulent und mit 25 km/h relativ langsam. Zudem fuhren wir auf ein Sperrgebiet zu. Die Aufforderung, vor diesem auf 1.500 m zu steigen, befolgten wir gern und überließen uns wieder dem Westwind. Nun war klar, dass unser Landepunkt in der Nähe der Stadt Rēzekne sein wird, was nach Riga gemeldet wurde. Die Landschaft wurde immer ursprünglicher: Flüsse mit Kiesbänken, Moore und Birkenwälder, rufende Kraniche und Singschwäne. Jetzt konnte auch das Verfolgerfahrzeug detaillierter gelenkt werden.

Verfolger: Inzwischen fahren wir wie abgesprochen durch Lettland. Auf Straßenschilder treffen wir immer mehr Hinweise auf Elche. Und dann kommt die Information, nicht nach Nordwesten Richtung Riga abbiegen, sondern weiter nach Norden. Aber wo liegt Rēzekne?? Die Karte zeigt es uns. Auf dem Weg zum Ziel kommen uns lediglich noch zwei Polizisten in die Quere, die stock und steif behaupten, dass wir mit dem Hänger zu schnell gefahren sind. Erst nach dem Wechsel einiger Euroscheine dürfen wir unsere Fahrt fortsetzen. Ärgerlich! Inzwischen kommt die Mitteilung, dass der Ballon gelandet ist. Nehmt diese Straße, da seht ihr das Feuerwehrauto, die zeigen euch den Weg. Hurra, unser Ballon liegt schon zusammengelegt vor uns auf dem Stoppelacker. Aber wo ist Detlef?


Detlef hat sich bei der Landung die Hand gebrochen. Die Anwohner haben Polizei und Krankenwagen informiert. Detlef ist zum Eingipsen ins Krankenhaus gebracht worden. Die Feuerwehrleute haben beim Zusammenpacken geholfen und die Instrumente bewacht. Da es langsam dämmert beeilen wir uns mit dem Aufladen um dann festzustellen, dass wir uns festgefahren haben. Mit freundlicher und tatkräftiger Unterstützung der Lettischen Feuerwehr zerren wir das Fahrzeug samt Hänger raus.
Alexandra fährt zu ihrem Mann ins Hotel und beide fliegen dann zwei Tage später ab Riga zur OP nach Thüringen. Frank und Stefan begeben sich sofort auf die Rückfahrt und sind 24 Stunden später noch rechtzeitig zur Vorstandssitzung in Bitterfeld.
Fazit: Es war eine tolle Reise und Rēzekne liegt im Osten von Lettland
Start: 31. Oktober 2015;  10.02 Uhr (Ortszeit) in Bitterfeld
Landung: 1. November 2015;  13.16 Uhr (Ortszeit) in Rēzekne
Fahrzeit: 26 h 14 min.
Entfernung: 1118 km direkt, Fahrstrecke 1.294 km
Silbermedaille zur Bitterfelder Kette (über 1.000 km Fahrtstrecke): Frank Zwanzig, Detlef Stremke
Großes Dankeschön der Piloten an: Stefan Buchmann, Alexandra Stremke
Anerkennung und Bewunderung aller für: Meteorologe Jens Oehmichen